Old Lavender — Issue #76

Old Lavender #767070 ist die Farbe des Himmels über Berlin jetzt in dem Moment, in dem ich diesen Newsletter beende. Colors of Berlin heißt dieser Twitter Bot, doch alles, was ich da sehe, ist nicht “old lavender” oder “quarz rose” sondern grau, grau, grau. So ist Berlin, so ist der Winter halt. Und doch mag ich diesen Twitter-Bot irgendwie. Die Hexadezimalcodes für die Farben erinnern mich immer an meine Kindheit, als ich mit 13 oder 14 HTML programmieren lernte und ich mit den Hexadezimalcodes meine im Zweiwochentakt wechselnden Webseiten gestaltete. Komisch, was einen manchmal nostalgisch werden lässt, oder?

Vielleicht bringt das ja der triste Winter so mit sich. Die Zeit rast gefühlt mit einer enormen Geschwindigkeit an mir vorbei. Der Sturm aufs Kapitol ist schon wieder einen Monat her, der Clubhouse-Hype längst abgeflacht. Und doch gibt’s da immer mal ein paar spannende Formate, oder auch vollkommen absurde. Eins hatte ich, vor dem ich wahnsinnig nervös war — was ich eigentlich sehr selten bin. Gerald Swarat hatte die Idee, dass wir mal nicht plaudern, sondern vorlesen. Zusammen mit Marco-Alexander Breit durfte ich die Premiere der Vorlesestunde übernehmen. Er las Daniel Kehlmanns “Tyll” und ich — wie könnte es anders sein — Hannah Arendt. Genau eine Stunde dauerte es, ihren Essay “Die Freiheit, frei zu sein” vorzulesen. Eigentlich eine Sache, die man viel öfter machen sollte, dieses Vorlesen. Für mich ist vorlesen übrigens eine unglaublich intime Angelegenheit. Gut, dass es nur Audio war.

Was mich gerade gruselt, ist übrigens der Umgang mit den Mutanten des Corona-Virus. Gefühlt, nimmt hier kaum jemand ernst, dass da eine viel ansteckendere Variante unterwegs ist. Stattdessen sprechen wir schon wieder über Lockerungen. Dabei baut sich die dritte Welle gerade auf.

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag und eine entspannte Woche.

Ann Cathrin 🌱

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WHAT TO KNOW

Ein anderer Fall aus Myanmar zeigt, wie schwach die sprachlichen Fertigkeiten der Menschen sind, die über Postings entscheiden müssen — insbesondere dann, wenn der Kontext von Belang ist. Ein großer Kritikpunkt in vielen Ländern des Globalen Südens. Denn häufig kommen die Content-Moderator:innen nicht von dort, oder sind nicht dort ansässig. Sprache und Kultur haben viel miteinander zu tun, sind getrennt voneinander nicht immer zu verstehen. In diesem Fall sorgte eine ungenaue Übersetzung für eine fehlerhafte Löschung eines Posts.

Facebook’s Oversight Board Has Spoken. But It Hasn’t Solved Much | WIREDwww.wired.com

Der Arabische Frühling zeigte, wie sehr Social-Media-Plattformen zur Demokratisierung beitragen können. Eine Mär, die auch ich lange glauben wollte. Dieser Artikel zeigt nun, dass das ein schönes PR-Bild ist. Denn Social-Media-Plattformen geben regelmäßig Lösch- und Sperrwünschen von Regimen nach. Machen NGOs und Regimekritiker:innen mundtot, indem sie ihnen das Sprachrohr nehmen. Mit Demokratieförderung hat das wenig zu tun.

After the outbreak of the Arab Spring, Arab states felt the need to control even more the online activities of their citizens. Instead of protecting free speech against government censorship efforts, social media platforms suspended and removed thousands of accounts of political dissidents in Tunisia, Palestine, Egypt, Syria and elsewhere. They have also arbitrarily taken down content that advocated for free speech, justice, and basic human rights and have offered no explanation for doing so.

Gerade auch wieder in Indien, wo seit Wochen ein enormer Bauernprotest stattfindet. Twitter hat dort auf Anweisung der indischen Regierung massenhaft Tweets und Accounts in Indien gesperrt.

Keine Sperre mithilfe der Plattformen, sondern eine generelle Sperre durch den Start von Social-Media-Plattformen, sowie ein Internetshowdown erlebt gerade Myanmar. Dort hat das Militär geputscht und die Macht wieder an sich gerissen.

Polen und Ungarn kämpfen angeblich für Meinungsfreiheit — und wollen sie doch nur weiter einschränken.

The social media myth about the Arab Spring | Arab Spring: 10 years on News | Al Jazeerawww.aljazeera.com

Na, mitbekommen? Das Kabinett hat ein Gesetzentwurf verabschiedet, der einen Teil der Urheberrechtsrichtlinie umsetzen soll, und zwar den Artikel 17 mit den Uploadfiltern, die eigentlich niemand haben will. Also obwohl Union und SPD beide ständig beteuern, dass sie wirklich keine Uploadfilter haben wollen, kam nun aus dem SPD geführten Justizministerium der Gesetzentwurf, der vom Kabinett verabschiedet wurde und nun ins parlamentarische Verfahren geht. Uploadfilter sind nun dennoch enthalten. Mit ihnen eine Menge anderer kruder, schwer verständlicher Regelungen. Simon Hurtz hat die wichtigsten Punkte im unten verlinkten Artikel zusammengefasst, hier noch ein Punkt an wichtigen Änderungen, die mit dem Gesetz kommen sollen:

Ursprünglich waren Bagatellgrenzen von 20 Sekunden für Video- und Tonschnipsel, 250 Kilobyte für Bilder und 1000 Zeichen für Texte vorgesehen. Davon sind 15 Sekunden, 125 Kilobyte und 160 Zeichen übrig geblieben. Das ist weniger als ein Tweet, allein der vollständige Name der Gesetzesvorlage umfasst 220 Zeichen. Zudem darf höchstens die Hälfte eines Gesamtwerks genutzt werden, obendrein muss der Ausschnitt mit weiteren Inhalten kombiniert werden.

Diese Einschränkung geht auf die Lobbyarbeit der Verleger zurück. Sie fürchteten, großzügige Grenzen könnten das Leistungsschutzrecht aushebeln. Dieser Bestandteil der Reform soll Suchmaschinen wie Google dazu bringen, Presseverlage bereits für kurze Auszüge zu bezahlen, die in den Suchergebnissen oder bei Google News angezeigt werden. Allerdings gilt die Bagatellregelung ohnehin nur für Einzelpersonen ohne kommerzielle Interessen und damit nicht für Google.

Der Gesetzestext schränkt Karikaturen, Parodien und Pastiches ein. Sie sind nur erlaubt, wenn die Nutzung “durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist”. Was das bedeuten soll, bleibt unklar. Selbst wenn dieser Zweck vorliegt, sollen Plattformen für Zitate und Parodien zahlen. Das bricht mit den geltenden Schrankenbestimmungen, was 19 Professorinnen und Professoren in einem offenen Brief kritisieren (PDF). Verwerter bekommen einen “roten Knopf”, mit dem sie bestimmte Uploads unverzüglich blockieren können, wenn erheblicher wirtschaftlicher Schaden droht. Den Knopf dürfen nur “vertrauenswürdige Rechteinhaber” drücken, wobei Plattformen selbst entscheiden, wer dazu zählt.

Auch Julia Reda hat sich natürlich wieder zur Thematik geäußert. In ihrem Gastbeitrag könnt ihr noch ein paar krude Probleme nachlesen, die einen ungläubig zurücklassen. Wichtig in ihrem Text:

Nach einer massiven Lobbykampagne der Presseverlage ist von den Bagatellgrenzen, insbesondere was die Verwendung von fremden Texten angeht, aber kaum noch etwas übriggeblieben. Nur noch bis zu 160 Zeichen gelten im Regierungsentwurf als „mutmaßlich erlaubt“ — statt der ursprünglich geplanten 1.000 Zeichen. Das ist weniger als ein Tweet (280 Zeichen) und kürzer als viele Zitate, die auch die Presse selbst in ihren Artikeln regelmäßig und legal verwendet. Der Pressefreiheit haben die Verlage mit ihrer Kampagne also einen Bärendienst erwiesen. Problematisch ist auch, dass Plattformen für Zitate eine Vergütung zahlen sollen, die bislang immer kostenfrei waren. Es ist ein gefährlicher Paradigmenwechsel, die Ausübung von Grundrechten mit einem Preisschild zu versehen, das hatten namhafte Wissenschaftler:innen kürzlich in einem offenen Brief kritisiert.

Upload-Filter: Das neue Urheberrecht geht alle an — Digital — SZ.dewww.sueddeutsche.de

Die Bundesregierung bekommt aber auch mal gute Sachen hin. Die Datenstrategie zum Beispiel. Da ist sogar Netzpolitik zufrieden mit und auch mir gefällt sie auf den ersten Blick gut. Prof. Dirk Heckmann, der auch in der Datenethikkommission der Bundesregierung war, ist sehr begeistert. Wie es immer so ist, wird sich die Strategie an der Umsetzung messen lassen. Hier kommt es dann auch auf die nächste Bundesregierung an. Im Clubhouse Talk mit Doro Bär und Helge Braun nach der offiziellen Vorstellung sagte Helge Braun auch, dass man nun auch mehr für die Zivilgesellschaft tun wolle — ein Punkt, den auch Netzpolitik kritisiert. Bisher ist die Datennutzung für Projekte der Zivilgesellschaft immer sehr stiefmütterlich behandelt worden, dabei liegt in ihren Ideen so viel Potenzial. Viel zu viel lassen wir davon ungenutzt. Ein Beispiel gibts auch im letzten Text.

Datenstrategie der Bundesregierung — Die Richtung stimmt, aber der Weg ist noch weitnetzpolitik.org

Daten nutzen! Ich sag’s ja immer wieder. Zum Europäischen Datenschutztag schrieb ich darüber, dass wir endlich lernen müssen, ordentlich über Daten zu sprechen, damit wir endlich diesen ritualisierten Debatten entkommen. Der Text unten zeigt, wie toll man Daten sammeln kann — und eigentlich auch müsste. Zumal man sonst häufig nur bloße Behauptungen aufstellt. Wie zum Beispiel, dass der ÖPNV sicher vor Ansteckungen sei, wenn es um Corona geht. Doch ist er das wirklich? Es liegen gar keine Daten vor. Wie man die erheben könnte, zeigt der Text. Und auch, was für tolle Anwendungen aus der Zivilgesellschaft kommen. Die müssten jetzt nur flächendeckend von den Verkehrsbetrieben eingesetzt werden. Kostet auch nicht viel. Toller Text, der auch mit den eigenen möglichen Fehlern und Unsicherheiten transparent umgeht.

Auf der Suche nach Corona im Berliner Untergrund — zerforschungzerforschung.org
reverse engineering in progress.

WHAT TO HEAR

1. Scheiße 2. Teuer — Christoph Rendel, Ferdinand Sacksofsky, Sebastian Holzhüter | Podcast on Spotifyopen.spotify.com

Listen to this episode from Diktatur der Freundlichkeit on Spotify. Die 5. Folge Diktatur der Freundlichkeit ist ein wahrer Podcast-Epos. Nicht nur wegen seiner Überlänge und den 3 stattlichen Hauptfiguren, sondern auch weil sich dieses Mal viel um Helden der Vergangenheit und der Moderne drehte. Um Abenteurer und Eroberer. Männer, die bereit waren, für ihre Überzeugung bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Alexej Nawalny, Robert Falcon Scott und Tom Kaulitz! Auch die Reddit Robin Hoods der Wallstreet haben wir besprochen und dabei endgültig den Titel als Deutschlands wichtigster Bildungspodcast für uns klargemacht. Oder hat im Deutschlandfunk schon mal jemand den Aktienmarkt anhand von Jägermeistern erklärt? Na also. Ihr werdet erfahren, welcher unserer Diktatoren Ende der 90er eine ganz große Nummer im e-Sport war, welche finnische Stadt wir gerne besuchen möchten, sobald es die Kanzlerin wieder erlaubt und wo sich der inoffizielle Woolrich-Flagshipstore Berlin befindet. Außerdem scheint Christoph kurz davor einen eigenen Spinoff-Podcast zu starten und die Frage nach den deutschen Aborigines endete in einer Liebeserklärung an unsere Heimat. Egal ob Ihr gerade Marx lest, oder Devisen swapt, die nächsten 1 ½ Stunden nehmen wir Euch mit auf eine Entdeckungsreise für die Ohren. Eine Folge, wie einst der Promi-Chor von Harald Juhnke: 1. Scheiße 2. Teuer

WHAT TO WATCH

https://www.youtube.com/watch?v=jjM7U75AHrI

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chairwoman @loadev | digital policy & civil rights | www.anncathrinriedel.de

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