Menschen, die Hoffnung machen — Issue #60

Dass diese Ausgabe eine Ausgabe mit lauter Personen wird, die mich beeindrucken oder inspirieren, war so nicht geplant, sondern kam so zustande beim Einstellen der Artikel, die mich die letzten Tage begeistert haben. Kann vielleicht nicht schaden zu sehen, dass es Menschen gibt, die diese Welt wirklich zu etwas besserem machen wollen. Gerade dann, wenn man hier in Berlin (und auf Twitter) Menschen sehen muss, die wirklich nichts begriffen haben. Mir fällt eh immer mehr auf, dass wir uns zu sehr über Menschen aufregen oder über das, was uns nicht gefällt, als die zu pushen, die uns begeistern. Oder auch nur über sie zu sprechen. Dass wir eher darüber sprechen, was uns trennt, denn über das, was uns vereint. Wenn wir alle Energie (looking at you fellow Twitterers) mal auf das Positive lenken würden, dann uns über schwachsinnige Menschen aufzuregen — oh was könnten wir alles bewegen! Wir machen Idioten groß, anstatt denen, die wirklich unseren Support durch Reichweite und Bekanntheit brauchen könnten, entsprechenden zu geben. Ich zumindest habe mir vorgenommen da mehr drauf zu achten. We rise by lifting others — nicht umsonst mein Lebensmotto.

Was gibt es sonst Neues? Eigentlich nicht viel. Ich werde nicht müde jedem zu erzählen, dass ich meinen neuen Job bei der Friedrich-Naumann-Stiftung wirklich großartig finde. Nebenher wusle ich noch in vielen kleinen Projekten und Dingen, die ich erledigen muss, rum. Die Corona-Fallzahlen machen mir langsam wieder echt Sorgen, aber vor allem, dass sich kaum noch an die Regeln — zumindest hier in Berlin — gehalten wird. Bei meinem Besuch in Kiel letztes Wochenende war ich sehr überrascht, wie konsequent sich da an alles gehalten wird.

Lasst es Euch gut gehen!

Ann Cathrin

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WHAT TO KNOW

When historians pick up their pens to write the story of the 21st century, let them say that it was your generation who laid down the heavy burdens of hate at last and that peace finally triumphed over violence, aggression and war. So I say to you, walk with the wind, brothers and sisters, and let the spirit of peace and the power of everlasting love be your guide.”

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Opinion | John Lewis: Together, You Can Redeem the Soul of Our Nation — The New York Timeswww.nytimes.com

Von Audrey Tang, der taiwanesischen Digitalministerin, habe ich schon häufig geschwärmt. Und ich kenne keine:n, die nicht auch von ihr schwärmt und vollkommen begeistert ist, sobald er oder sie einmal hört, was sie zu sagen hat. Audrey — und das fast das, was mich an ihr so begeistert vielleicht am besten zusammen — ist ein absoluter Techie, findet Digitalisierung und Innovation genial, aber stellt doch immer den Menschen in den Mittelpunkt. Das heißt, sie guckt sich genau das Problem an und schaut, wie Technologie ein Werkzeug zur Lösung des Problems sein kann. Oder wie manchmal einfache, simple nicht-technologische Dinge innovativ sein können und so eine Lösung darstellen. Die Wired hat sie nun porträtiert.

“Audrey is intensely intelligent,” wrote Allison Randal, a former director of the Perl Foundation and past president of the Open Source Initiative, via an email to WIRED, “and passionate about solving problems, but not in the obnoxious ‘top dog’ way that our industry seems to admire so much. (Elon Musk, for example.) I was always deeply impressed with how unfailingly nice she was, even in the middle of difficult conversations. She inspires people to strive to become better — not just doing better work, but also building strong, healthy communities who actively support each other.”

Das Tool Po.lis hat sie schon mehrfach in Vorträgen vorgestellt. Zum Beispiel hier bei der Friedrich-Naumann-Stiftung. Jetzt, wo ich mich ein bisschen mit Jürgen Habermas beschäftigen musste (wer mir auf Instagram folgt, konnte meinen Leidensweg mit Jürgen mitverfolgen…) erinnert mich das etwas an seine deliberative Demokratie. Wobei sein Ziel ja ist, dass sich irgendwann alle auf was einigen. Hier geht es um sowas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner. Vielleicht werde ich mir das von Jürgen doch nochmal genauer angucken…

Megill’s operating theory is that party politics in Western democracies is predicated on the exploitation of “wedge issues” to divide the electorate. Megill believes that “new computational methods” can be deployed to find areas of consensus, rather than division. Po.lis, he says, “gives agenda-setting power back to the public itself.”

Pol.is is intended to be an antidote to the polarization nurtured by traditional internet discourse. If Tang is a person one can’t imagine being in a flame war, then Pol.is is a program purposely built to prevent flame wars. “There’s a lot of very intentional design that makes sure that people can only add to, but not subtract or detract from the conversation,” Tang says.

In Pol.is, success is defined by the achievement of clusters of agreement. The goal, Tang says, is not unanimity, but rather a concept borrowed from the open-source software developer community: “rough consensus.”

“Rough consensus is not that strong,” Tang says. “It’s just something programmers can live with, then go back and write some running code, and stop debating. That kind of rough consensus is the key in Taiwanese norm shaping, because it enables people to not squander their time on getting the fine consensus out but rather to agree on something that we can all live with. That is something that politics can learn from internet governance: If we can all live with it, maybe that’s good enough. Maybe we don’t need everybody to be literally on the same side.”

Noch etwas, das ich an ihr so mag: ihr scheinbar grenzenloser Optimismus und ihre positive Art. Wenn man sie einmal live erlebt hat, dann ist man vielleicht auch deswegen von ihr so begeistert, weil sie einfach vor Energie und Optimismus sprüht (und man erahnt es schon digital).

At the end of a 90-minute interview with Tang, I expressed my doubts as to whether her approach could work in a society where mutual trust seemed fundamentally broken. Was there any way to fix it?

It was, I knew, an impossible question to answer. But it’s also a question that Audrey Tang gets asked all the time. And she was ready.

“My main suggestion is to start small and to not prescribe anything. Don’t make long speeches. Instead, just start designing spaces for people to participate.”

Conclusio auch aus diesem Interview: Be more like Audrey.

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How Taiwan’s Unlikely Digital Minister Hacked the Pandemic | WIREDwww.wired.com

Und noch eine dritte inspirierende Person. Edward Snowden ist begeistert von den Menschen in Hongkong, die für ihre Freiheit und gegen Überwachung aus China kämpfen. Wenn Edward Snowden noch Hoffnung hat, sollten wir sie erst recht haben.

“This is the part of the story that matters: that what begins with the individual persists in the communal.

The changing of an age takes more than lasers and traffic cones: it takes the hands that hold them.

It takes you.”

Snowden

The Age of Mass Surveillance Will Not Last Forever | WIREDwww.wired.com

Falls es jemand noch nicht gemerkt hat: Wir sind mitten in der digitalen Transformation. Transformation heißt daher vor allem, dass sich alles ändert, aber wir unbedingt an unsere Prinzipien festhalten sollten. Nur wie wir diese implementieren, das wird sich ändern müssen — und zwar schnell. Die digitale Souveränität sollte dringend auf unserer Prioritätenliste in Europa nach ganz oben rücken. Denn wir haben jetzt während der Corona-Pandemie sehr deutlich gesehen, wie kritisch für unsere Gesellschaften hier in Europa Abhängigkeiten von (autoritären) Drittstaaten sind. Dabei muss dringend beachtet werden, dass digitale Souveränität definitiv nicht heißt, dass wir uns abschotten. Wohl aber, dass wir zum einen eine Wahlmöglichkeit für Anbieter haben — sei es Hard- oder Software. Und, dass wir nicht verwundbar sind. Digitale Souveränität ist also auch eine sicherheitspolitische Fragestellung und Aufgabe.

Freier Handel kann den Import freiheitseinschränkender Technologien und die Setzung technologischer Rahmenbedingungen bedeuten, die dem Handeln des Gesetzgebers enge Grenzen ziehen. Die ehemals enthusiastisch angestrebte enge globale ökonomische Verflechtung führt eben nicht nur zu mehr Wohlstand, sondern auch zu mehr Abhängigkeit von autoritären Staaten und unregulierten Märkten.

Ökonomische Verflechtung muss daher heute sehr viel bewusster gestaltet werden und sensibel dafür sein, ob strategisch wichtige Vorprodukte für eigene Güter und Dienstleistungen im Zweifelsfall substituiert werden könnten. Wenn dringend benötigte Pharmazeutika, Rohstoffe oder Softwareprodukte ausschließlich von Systemkonkurrenten mit fundamental abweichenden gesellschaftspolitischen Vorstellungen angeboten werden, dann handelt es sich nicht mehr bloß um Verflechtung, sondern um Verwundbarkeit.

Der unten verlinkte Gastartikel von Annegret Bendiek und Jürgen Neyer zeigt sehr schön die Komplexität (und Dringlichkeit) des Themas auf. Schließt aber mit einer Art Appell, der auch mir sehr wichtig ist. Wenn wir immer von unseren europäischen Werten sprechen, die wir ja auch so gerne (richtigerweise!) in “unserer” Digitalisierung verwirklichen möchten, dann müssen wir dem ganzen dringend Leben einhauchen und es vor allem holistischer betrachten. Denn da die Digitalisierung jeden Lebensbereich durchdringt, durchdringen digitalpoilische Entscheidungen eben auch jeden Lebensbereich und stellen die Weichen für Wohlfahrtsstaaten und liberale Demokratien.

Die Fähigkeit Europas, digitale Souveränität kontinuierlich neu herzustellen, wird von entscheidender Bedeutung dafür sein, ob wir auf dem Weg zu einer inklusiven Wohlfahrtgesellschaft in Europa bleiben. Hierfür braucht es nicht nur Innovationen, sondern auch ein solides Maß an wertbezogener Außenwirtschaftspolitik. Nur so wird Europa eine digitale Souveränität entwickeln, die seinem eigenständigen Charakter als liberalem Ort sozialer Rücksichtnahme und anspruchsvoller Menschenrechte gerecht wird.

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„Code is Law“: Warum Europa dringend digital souverän werden muss — Politik — Tagesspiegelwww.tagesspiegel.de

Ein Thema, das mich gerade bewegt und sicher in Zukunft noch mehr bewegen wird, ist das Thema Content-Moderation. Nur mit dem Löschen auf Basis des Strafrechts kommen wir nicht weiter. Und natürlich müssten wir auch mal diskutieren, ob wir das so cool finden, dass Facebook auf seinen Plattformen zum Beispiel Nacktheit und weibliche Nippel löscht. Aber die haben erst einmal Hausrecht und können darüber verfügen. Nur sind die Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter nun mal so groß und ihr Einfluss auf Gesellschaften so erheblich, dass sie sich ja selber Gedanken machen, wie von unabhängiger Stelle überprüft werden kann, wie sie die Inhalte auf ihren Plattformen nach ihren Community-Standards regeln. Das ist ein wichtiger Punkt, mit dem wir uns dringend beschäftigen müssen.

Ein anderer ist der Einsatz von Content-Moderator:innen von den Plattformen selber. Der Artikel beleuchtet sehr schön, dass Facebook, Twitter und YouTube nur vergleichsweise kleine Mengen an Geld ausgeben, um Menschen für die Moderation von Inhalten zu bezahlen. Zudem meist ausgelagert an Subunternehmen und nicht direkt bei den Plattformen angestellt. Dabei verdienen diese Plattformen so enorm viel Geld, dass sie die doppelte oder dreifache Menge an Moderator:innen anstellen könnten und sie auch noch doppelt so gut bezahlten könnten und immer noch riesige Gewinne einfahren können. Bezahlt werden diese Menschen übrigens äußerst schlecht. Vor allem gemessen an der Verantwortung die sie tragen und dem widerwärtigen Zeug, das sie jeden Tag sehen müssen. Hier braucht es mindestens gesellschaftlichen, wenn nicht politischen Druck, dass da mehr passiert. Denn wie gesagt: Wir können uns nicht nur aufs Strafrecht verlassen. Und ebenso wenig auf Technologie. Filter, Detektoren etc. können immer nur helfen eine Vorauswahl zu treffen oder zum Beispiel mittels Fingerprint bereits als strafbar eingestufte Inhalte zu detektieren und automatisiert zu löschen. Meist muss aber der Kontext genauer angeguckt werden. Einfach nur nach Phrasen zu suchen und diese löschen zu lassen ist fatal. Es müssen Menschen darauf gucken, Kontexte erkennen, Wissen über Gegebenheiten vor Ort haben und dies in ihre Entscheidung bei der Content-Moderation mit einfließen lassen.

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Stop Saying Facebook Is ‘Too Big to Moderate’ | WIREDwww.wired.com

Instagram — ich schrieb es schonmal, gerade im Zusammenhang mit der Black Lives Matter Bewegung — wird immer politischer. Gerade junge Menschen suchen vor allem seit der Corona-Pandemie dort immer mehr nach Informationen und teilen auch selber Infografiken und ähnliches in ihren Stories. Ich merke das auch deutlich und Ihr?

Was ich ebenso deutlich merke ist, dass auch hier zu häufig viele Inhalte von Verschwörungsideologen teilen. Häufig unbewusst. Erst gestern sah ich eine, die Inhalte der Neuen Weltordnung teilte, die an werdende Mütter gerichtet waren. Desinformationen, die darauf abzielen, sich sorgende und kümmernde Frauen anzusprechen und sie dann mit “Ideen” zu füttern, die sie nicht mehr glauben lassen was Ärzt:innen sagen. Da geht es dann nicht mehr nur um Impfstoffe.

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Instagram morphs into an information powerhouse — Axioswww.axios.com

WHAT TO HEAR

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COSMO Tech — Vorratsdatenspeicherung: Mutter aller Überwachung? — COSMO Tech | Podcast on Spotifyopen.spotify.com
Listen to this episode from COSMO Tech on Spotify. Vor fünf Jahren ist die zweite Version der Vorratsdatenspeicherung in Kraft getreten. Darüber gestritten wird aber schon sehr viel länger. Hohe Gerichte haben die Vorratsdatenspeicherung immer wieder einkassiert. Wo stehen wir heute?

WHAT TO WATCH

“I am someone’s daughter, too,” she said. “Thankfully, my father is not alive to see how Mr. Yoho treated his daughter. My mother got to see Mr. Yoho’s disrespect of me on the floor of this House, on television. I am here because I have to show my parents that I am their daughter, and they did not raise me to accept abuse from men.”

“Having daughters is not what makes someone a decent man,” she said. “Treating people with dignity and respect is what makes a decent man. And when a decent man messes up, as we all are bound to do, he does apologize. Not to save face. Not to win a vote. He apologizes, genuinely, to repair and acknowledge the harm done, so that we can all move on.” Mehr dazu bei der Washington Post.

Und noch ein Video von einer sehr starken jungen Frau. Sie ist Nebenklägerin im Prozess gegen den Rechtsterroristen von Halle und sagt: Nur was gegen Antisemitismus zu tun kommt nicht nur zu kurz, es verkennt auch die anderen Tatmotive von ihm und so vielen anderen rechten Terroristen. Neben Antisemitismus ist das auch Rassismus und Frauenhass. Mit mehr Polizei vor Synagogen ist es übrigens nicht getan. Geschweige denn, dass das die Lösung sein kann. Ich saß mal mit einem Rabbiner auf einem Podium, der richtigerweise sagte: “Wir Juden wollen in Sicherheit leben. Das heißt aber nicht, dass wir überall Polizeischutz haben wollen.”

WHAT TO READ

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chairwoman @loadev | digital policy & civil rights | www.anncathrinriedel.de

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