Je suis Charlie? Meinungs- und Kunstfreiheit und so viel mehr — Issue #39

Ging ereignisreich los das neue Jahrzehnt, oder (Don’t @ me!)? Feiertage bekommen den Menschen vielleicht nicht ganz so gut. Zu viel Zeit für Unwesentliches — ich nehme mich da selbst nicht aus. Habe dennoch versucht nichts oder nicht viel zu machen, was auch ganz gut klappte. Vor allem habe ich aber aufgeräumt (und gebügelt!) und Sachen sortiert und so all das Liegengebliebene gemacht — bin allerdings immer noch nicht fertig. Vor allem aber habe ich Zeit mit mir alleine genossen 😂Nach so viel Trubel im vergangenen Jahr — der großartig war, keine Frage — habe ich jetzt eine Woche lang nur mit mir verbracht und nur mit Kassierer:innen im Supermarkt gesprochen. Herrlich! Jetzt bin ich wieder bereit für Arbeit, Vorträge, Reisen und so weiter. Und ich freue mich schon sehr!

Wer mit mir auf LinkedIn vernetzt ist, hat es wahrscheinlich schon gesehen. Ich habe dort eine neue Tätigkeit ergänzt, die gar nicht so neu ist. Schon seit zwei Jahren arbeite ich mit Guttmann Communications zusammen. Wir beraten diverse Institutionen zum Thema Krisenkommunikation und entwickeln Kommunikationsstrategien. Der Fokus liegt dabei auf juristischer Kommunikation und ich mache — Überraschung — den digitalen Teil. Natürlich mache ich auch noch weiterhin meine eigene Beratung für digitale politische Kommunikation und entwickle hier Strategien für Unternehmen, Verbände, Stiftungen, usw. und gebe Workshops (und Vorträge zur Digitalpolitik selbstverständlich auch). Wer also Interesse hat oder jemanden weiß, der jemanden sucht: @ me 😉Ich habe gerade wieder Kapazitäten frei!

Wie dringend notwendig solche Kenntnisse sind, das hat auch eine dieser unsäglichen “Debatten” über die Feiertage gezeigt. Und damit gehts auch heute im Newsletter los. Ich freue mich aufs neue Jahrzehnt mit Euch!

Ann Cathrin

WHAT TO KNOW

Denn das Internet ist kein verwunschener Wald. Die Dinge, die hier passieren, folgen bestimmten Regeln, nur dass die Regeln vielen nicht bekannt sind. Nazis sind nicht so kreativ, ihre Einschüchterungsversuche haben immer wieder dieselbe Dynamik. Und doch stehen einzelne Menschen, Redaktionen, ArbeitgeberInnen oft völlig gelähmt vor dem Spektakel, wenn erneut jemand betroffen ist.

In allen möglichen Einrichtungen müssen Beschäftigte Schulungen durchlaufen, es gibt dann zum Beispiel im Rahmen von Arbeitsschutzstrategien Kurse darüber, wie man schwere Lasten korrekt hebt, und das ist natürlich richtig. Aber was auch gelernt werden sollte, ist der Umgang mit KollegInnen, die von sogenanntem Hass im Netz betroffen sind. (Ich sage “sogenannter”, weil der Hass oft nicht im Netz bleibt. Spätestens, wenn Nazis vor der Tür stehen, ist es keine Internetsache mehr.) Das ist auch Gesundheitsvorsorge, im 21. Jahrhundert. […]

Denn die Angriffe mögen wirken wie irgendwas Freakiges aus dem Internet, aber sie sind Terror. Sie sind dazu gedacht, Menschen Angst zu machen, sie aus dem öffentlichen Raum zu drängen, ihre Arbeitsgrundlagen oder ihre ganze Existenz zu zerstören. Es gibt JournalistInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen, die ganz okay mit dem Wissen leben können, dass es da draußen Menschen gibt, die ihnen Gewalt antun wollen — und es sprachlich ohnehin schon tun. Es gibt diejenigen, für die es ein irre schwerer Kampf ist weiterzumachen. Und es gibt die, die sich zurückziehen, sei es aus Erschöpfung oder aus Angst, oft auch aus Angst um die eigenen Angehörigen, die nicht auch noch leiden sollen.

Tom Buhrow, der Intendant des WDR hat hier vollkommen falsch reagiert. Er hat sich nicht hinter seine Mitarbeiter:innen gestellt und ist auch noch vor den Pöbeleien eingeknickt. Dass Kinder instrumentalisiert wurden, kann man so nicht stehen lassen. Der Leiter des Kinderchors hat dazu eine Stellungnahme veröffentlicht und gesagt, dass sowohl den Kindern, als auch den Eltern erklärt wurde, was es mit dem Text auf sich hat. Manche wollten daraufhin nicht teilnehmen. Wer das als Instrumentalisierung sieht, der sollte sich fragen, was wir denn mit den ganzen Sendungen machen, in denen Kinder als Stars vermarktet werden sollen (z.B. Supertalent oder Gesangs-Talent-Shows für Kinder, etc.).

Gruselig ist, dass Tom Buhrow davon sprach, dass das deutlicher hätte als Satire zu erkennen sein müssen. Stefan Niggemeier weist hier bei Übermedien nochmal darauf hin, dass es in eine Satiresendung eingebettet war und ich erinnere nochmal an die Zensur von Twitter von Satire vom Titanic-Magazin, woraufhin einige ihren Account klar als “Satire-Account” markiert haben, damit Twitter sie nicht auch blockiert. Froh bin ich, dass Gerhart Baum sich mal wieder besonnen geäußert hat und im DLF klar stellte: “Das, was Sie eben zitiert haben, ist Satire, und die Kunst ist frei. Das ist die Identität unseres Grundgesetzes, die Kunst darf nicht eingeschränkt werden, auch eine möglicherweise missglückte Satire ist eine Satire, ist Ausdruck künstlerischer Freiheit.” Wenn wir Meinungsfreiheit wirklich schützen wollen, dann müssen wir missglückte Satire aushalten, genauso müssen wir aushalten, dass uns Satire mal nicht schmeckt. Ich erinnere nur an die “Je suis Charlie”-Solidarität!

Ich wollte hier aber eigentlich zu einem anderen Punkt: Dem Verstehen von den Dynamiken im Netz vom ÖRR und Medien und Arbeitgeber:innen im Allgemeinen. Der Hauptgrund, warum ich dieses Thema hier nochmal aufgreife, ist der Offene Brief des Journalisten Richard Gutjahr an den Intendanten des BR. Zum Jahresende hörte er auch für den BR als freier Mitarbeiter zu arbeiten und auch sein Intendant versagte — wie jetzt Tom Buhrow im Falle des von Nazis bedrohten freien WDR-Redakteurs — sich vor ihn zu stellen und ihn in seiner immensen Bedrohungslage zu unterstützen. In einem eigenen Blog-Artikel hat er über die Verleumdungen und (Mord-)Drohungen, denen er ausgesetzt ist ausführlich beschrieben — ich empfehle ihn zu lesen, falls ihr ihn noch nicht kennt. Er zeigt auch auf, wie ihm das NetzDG in seiner Situation überhaupt nicht nützt.

In seinem Offenen Brief erläutert er nicht nur eindrücklich, welchen Drohungen er ausgesetzt ist, sondern auch, wie er damit nicht ernst genommen wurde von seinem Intendanten und dem BR, sondern auch noch von diesem hintergangen und belogen wurde. Er weist — nicht zum ersten Mal — darauf hin, dass der ÖRR (aber auch anderen private Medien) weder zeitgemäße Distribution und Aufbereitung von Nachrichten verstehen, noch die Dynamiken des Netzes und dass es an Essentiellerem fehlt:

Was wir in disruptiven Zeiten wie diesen brauchen, ist kein öffentlich-rechtliches Google oder Facebook, sondern vor allem Führungskräfte mit Rückgrat, Herz und moralischem Kompass. Führungskräfte, die nicht nur auf Medienkongressen und in Interviews über Werte und Verantwortung reden, sondern diese Tag für Tag vorleben. […] Das Internet ist ein großartiges Geschenk, mächtiger als die Erfindung der Druckerpresse. Umso mehr liegt es an uns, mit dieser Technologie und der damit verbundenen Macht verantwortungsbewusst umzugehen.

Ich hoffe für 2020 sehr, dass wir mehr lernen, wie das Netz genutzt und vor allem instrumentalisiert wird. Dazu gehört auch, zu verstehen, dass Twitter in Deutschland nur einen ganz kleinen Bruchteil der Menschen hier widerspiegelt und wir alle dringend verstehen müssen, dass wir “Debatten” häufig erst durch die Aufnahme in den klassischen Medien groß machen. Dass wir alle mehr Rückgrat haben und wirklich solidarisch miteinander sind. Denn ich halte es für das größte Problem, dass wir aus Angst vor Extremisten die uns bedrohen, ständig unsere Freiheiten selber einschränken. Aber das dürfen wir nicht zulassen.

Zum Abschluss und zur jüngsten Demo vorm WDR, deren Berichterstattung und warum natürlich nicht jeder, der sich über #Umweltsau aufregte ein Rechter ist, das alles aber eine richtige Analyse und Einordnung durch den Journalismus braucht, da die Rechten es sonst schaffen, rechte Debatten in die Mitte zu schieben, gibts hier nochmal einen Thread von Ann-Kathrin Büüsker.

Hate bubble2

» In eigener Sache | G! gutjahrs blogwww.gutjahr.biz

Trump lies einen der wichtigsten iranischen Generäle per Drohne töten: Qassem Soleimani. Auf Twitter trendet “WWIII” und sicher ist, dass Iran irgendwie auf diese Tötung reagieren wird. Der Nahost-Experte und Herausgeber der Zeitschrift Zenit, Daniel Gerlach, entzaubert Soleimani bei ZDF heute zwar und weist darauf hin, dass es viel kritischer ist, dass die USA auch einen ranghohen irakischen Staatsbeamten mit töteten und der Irak ja eigentlich Verbündeter der USA ist. Wie nun eine Reaktion von Iran aussehen wird, bleibt abzuwarten. Möglich ist aber (mindestens) eine Antwort in Form eines Cyberangriffs. Iran hat in diesem Bereich massiv an Kapazitäten aufgebaut und ist schon mehrfach mit Hacking-Angriffen aufgefallen. Der Abgeordnete Konstantin Kuhle warnt auch vor Angriffen in Deutschland. Nicht nur amerikanische, israelische oder jüdische Institutionen, sowie Exil-Iraner:innen könnten Ziel solcher Angriffe sein, sondern eben auch digitale Infrastruktur. Unser Innenminister sollte daher die notwendigen Vorkehrungen treffen.

Mehr zu den Gefahren von iranischen Cyberattacken und deren Fähigkeiten hat Sven Herpig hier auf Twitter zusammengestellt.

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How Iran’s Hackers Might Strike Back After Soleimani’s Assassination | WIREDwww.wired.com

Nochmal zum ÖRR: TerraX stellt jetzt Videos unter Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung, sodass diese u.a. in die Wikipedia eingebunden werden können. Das Inhalte, gerade die für den Bildungs- und Informationsauftrag so zur Verfügung gestellt werden, dass sie auch im Unterricht verwendet und eingebettet werden können, ist eine großartige und überfällige Sache. Leonhard Dobusch setzt sich hierfür als Mitglied des ZDF-Fernsehrats für ein und beschreibt die Notwendigkeit in einem Gastartikel:

Die Redaktion von „Terra X“ hat schon einen wichtigen Schritt getan und versuchsweise Erklärvideos zu Wetter und Klima unter Creative-Commons-Lizenz (CC BY 4.0) veröffentlicht. Wikipedia-Freiwillige haben die guten Clips in Artikel eingebettet, die im November 500 000 Mal aufgerufen worden sind. Die offene Lizenz erlaubt auch, dass Freiwillige Untertitel in anderen Sprachen ergänzen, und leistet so einen Beitrag zu einer europäischen Öffentlichkeit, die immer eine mehrsprachige sein wird.

Wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine exklusive Finanzierung durch alle Mitglieder der Gemeinschaft verteidigen möchte, muss er zentralen Produktionen auch allen zugänglich machen, jedenfalls so frei wie möglich. Creative Commons, also das Einzahlen in die gemeinsame Wissensallmende, wäre der Weg dazu. Diesem können privatwirtschaftliche Akteure naturgemäß nicht folgen. Ihn zu gehen braucht es aber Überblick und einen klaren Arbeitsauftrag der Leitungsebene, damit die Muskeln im eigenen Haus endlich auf breiter Front Bewegung in die Sache bringen.

Creative Commons bedeutet übrigens nicht, dass man mit dem Material alles anstellen kann. Auch dort gelten Regeln und man kann sich überlegen, unter welcher Lizenz man seine Bilder, Texte, Videos veröffentlichen möchte. Aber sie räumen anderen eben Möglichkeiten der Weiterverwendung ein — oder eben nicht. Auch das ist natürlich möglich. Schaut es Euch mal an und veröffentlicht zukünftig selber unter CC-Lizenz

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Öffentlich-rechtlicher Mehr-Wert: „Terra X“ wird Wikipedia — Medien — Gesellschaft — Tagesspiegelwww.tagesspiegel.de

“But a closer look reveals what’s really happening: Many people who lacked public platforms 10 years ago — the young and members of marginalized groups in particular — are speaking up, insisting on being heard.” Und damit nochmal zurück zum ersten Text. Es ist nicht alles schlecht im Internet und schon gar nicht auf Twitter. Wir sollten auch darauf schauen, was uns diese Tools alles gebracht haben (heißt dennoch, dass sie sich besser an Gesetze halten müssen und wir über Verantwortung von Plattformen sprechen müssen). Von #metoo bis #BlackLivesMatter hin zu #FridaysForFuture haben es ebenso viele Bewegungen und Themen von marginalisierten Gruppen in die klassischen Medien geschafft und so viel Positives bewegt. Beides zeigt nochmal die besondere Bedeutung der Arbeit von Journalist:innen: sie haben hier die bedeutsame Möglichkeit Menschen eine noch breitere Aufmerksamkeit zu geben. Daher sollten sie die Dynamiken verstehen und auch in der Lage sein, zu beurteilen, von wem nun eine Hashtag-Kampagne initiiert wurde. Dazu auch der unten verlinkte Tweet von Dirk von Gehlen. “Twitter has fallen short in many ways. But this decade, it helped ordinary people change our world.”

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Opinion | Twitter Made Us Better — The New York Timeswww.nytimes.com

“Während asiatische Länder alles daran setzen, die Missstände zu beseitigen, passiert in Deutschland genau das Gegenteil. Hier ist man stolz auf das Erreichte, ohne zu merken, dass der Vorsprung wöchentlich schmilzt.” In Deutschland merkt man irgendwie noch nicht so ganz, dass sich hier was bewegen muss. Nicht nur in puncto Digitalisierung, sondern bei diversen Themen des Fortschritts. In Asien ist man nicht nur teilweise schon weiter, die Menschen sind auch hungriger was zu erreichen und die Zukunft zu gestalten.

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Wirtschaft Entspannt absteigenwww.freiheit.org

Zum Feminismus gehört auch das Aufstreben der rechten Frauen — insbesondere im Netz. Und da ist es besonders wichtig zu verstehen, dass Frauen eben emanzipierte und selbstbestimmte Geschöpfe sind und genau so Gutes wie Böses tun. Sie sind kein nettes Beiwerk, nur zum Kinderkriegen oder Haushalt in Ordnung halten da. Ganz wie bei den Frauen des Islamischen Staats werden auch bei Rechtsextremen Frauen dazu genutzt (bzw. begeben sie sich natürlich selber in die Rollen), eine “ganz normale Welt” aufzubauen. Beim IS braucht man sie zum “state building”, denn ein “Staat” kann nicht ohne Menschen, Alltag und natürlich auch Nachkommen existieren.

Im Internet sind Frauen in rechtsextremen Netzwerken sehr aktiv. Sind oftmals ob ihres unschuldigen Auftretens das erste Einfallstor — gerade für andere junge Frauen — oder sie lassen dadurch ihre Ideologie nicht ganz so schlimm wirken. Aber rechte Frauen agieren nicht nur intensiver im Netz. Auch in der analogen Welt strömen sie immer mehr in Einrichtungen, zum Beispiel Universitäten oder in die Erzieherinnenausbildung, um dort andere Frauen mit ihrer rechten Ideologie zu infiltrieren. Eine Strategie, die — ebenso wie die Bedeutung der IS-Frauen — nicht nur viel zu unterbeleuchtet ist, sondern auch nicht genügend als Gefahr angesehen wird.

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Frauen in der rechten Szene: Warum sie oft unerkannt bleiben — Gerechtigkeit — bentowww.bento.de

WHAT TO HEAR

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Podcast 11 Alternativen zum Bundestrojaner. Going around going dark — percepticonpercepticon.de
Der Bundestrojaner soll auch für Alltagskriminalität verwendet werden. Das ist aus IT-Sicherheitsperspektive keine gute Entwicklung.

WHAT TO WATCH

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Square Idee — Smart City: Fortschritt oder Gefahr? | ARTEwww.arte.tv
Die Vorzüge von Smart Cities sind vielversprechend. Sie setzen auf Informationstechnik, um den Alltag in Städten zu verbessern. Diese vernetzten Städte basieren jedoch auf Algorithmen, die wiederum von den Ingenieuren der weltweit dominierenden Großkonzerne programmiert werden. Dienen Smart Cities am Ende nur der Überwachung all derer, die aus der Reihe tanzen?

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