Biete Lösung. Suche Problem. — Issue #64

Ich muss schon immer mehr überlegen, was ich hier so als einleitende Worte schreibe. Man erlebt irgendwie gerade gar nicht mehr so viel. Noch ein bisschen Sommerpause, bis alles wieder losgeht, wenn auch anders und vermutlich weniger. Vielleicht ist es auch mal ganz gut, dass mich die vergangenen zwei Wochen nichts so sehr aufgeregt hat, dass ich mich hier darüber auslassen muss. Wird sicher noch genügend in Zukunft geben. Also ab morgen tagt der Deutsche Bundestag wieder. Und da fällt mir ein, da gabs ja doch was, was einen letztes Wochenende ziemlich wütend gemacht hat und in Rage versetzte. Aber auch Angst und Unbehagen darüber, was hier in Deutschland so einige Menschen denken und mit wem sie dafür bereit sind zu demonstrieren: mit offensichtlichen Rechtsextremist:innen. Aber auch interessant, wie sehr diese Aufregung darüber schon wieder aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Und ich frage mich, ob das so gut ist. Andererseits ist dieses sich konstant aufregen, wütend und verzweifelt sein auch nicht gut. Es nimmt einem auch die Energie für Produktives und Positives.

Bei mir stapeln sich derweil die Projekte und Ideen (ich liebe meinen neuen Job!) und mein Geburtstag steht diesen Monat an (ich liebe Geburtstag haben!). Ich bin froh, dass man nach aktuellem Stand wenigstens in ganz kleiner Runde feiern kann. Oder einfach mehrfach mit immer anderen Leuten. Hat ja auch was, oder? Aber noch ist es ja ein wenig hin (aber ich bin jetzt schon so aufgeregt!).

Ich hoffe, Ihr genießt den schönsten Monat des Jahres auch. Viel Spaß beim Lesen!

Ann Cathrin

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WHAT TO KNOW

Hier in Deutschland gehen Menschen auf die Straße, weil sie sich in einer Corona-Diktaur wähnen, behaupten, ihnen würden alle Freiheitsrechte genommen (sie wurden ganz schön eingeschränkt, ja, sind es teilweise immer noch, aber dass zu große Einschränkungen von Gerichten schnell wieder kassiert wurden, zeigt immer noch, wie gut unsere Demokratie und unser Rechtsstaat funktioniert) und unsere Demokratie sei ausgehebelt, “das Volk” hätte nichts mehr zu sagen. Dabei waren unsere Parlamente immer arbeitsfähig und unsere gewählten Abgeordneten konnten ihren Verpflichtungen und ihrer parlamentarischen Kontrolle immer nachkommen. In anderen Ländern sieht es hingegen ganz anders aus. Corona ist für viele Regime die Möglichkeit, Bürgerrechte und Menschenrechte enorm einzuschränken. Ein kleiner Überblick:

Hungary, Romania, Algeria, Thailand and the Philippines are among the countries that have instituted new laws or invoked emergency decrees giving authorities the power to block websites, issue fines or imprison people for producing or spreading false information during the pandemic. In Cambodia and Indonesia, social media users have been arrested after allegedly posting false news about the coronavirus. In Egypt, a journalist who had been critical of the government’s response to the pandemic and was detained for “spreading fake news” contracted the virus in custody and died before he could be tried. Even in South Africa, where freedom of expression is a constitutional right, politicians criminalized the publication of any statement made “with the intention to deceive any other person” about Covid-19, government measures to address the disease or — in a sign of the country’s grim experience with HIV/AIDS — a person’s infection status.

Ärzt:innen und Whistleblower geraten unter Druck. Können nicht frei darüber sprechen, wenn es Probleme und Missstände gibt. Desinformationen haben in einigen Ländern für zahlreiche Tote gesorgt, weil entweder nicht an die Gefahr durch das Virus geglaubt wurde, oder weil irgendwelche Chemikalien getrunken wurden, die angeblich helfen sollen. In Iran starben 700 Leute an einer Alkoholvergiftung. In Indien wurden Muslim:innen getötet, weil Gerüchte behaupteten, sie würden das Virus verbreiten.

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‘Fake news’ laws, privacy & free speech on trial: Government overreach in the infodemic?firstdraftnews.org

Na, noch jemand hier, der auch ein mulmiges Gefühl bei QR-Codes zum Eintragen in die Gäste-Registrierung wegen Corona in Restaurants hat? Ich habe mich dem bisher immer verweigert. Manchmal auch meinen handschriftlich ausgefüllten Zettel wieder mitgenommen oder direkt am Tresen abgegeben, weil auch diese Datenerfassung vom Personal leider äußerst selten so behandelt wird, wie sie behandelt werden sollte. Aber zurück zur elektronischen Erfassung. Ich hatte von Beginn an ein mulmiges Gefühl, weil ich mir schon gedacht habe: na so schnell, wie hier plötzlich Lösungen auf dem Markt sind, können die ja kaum ordentlich und sicher sein. Abgesehen davon, dass leider trotz DSGVO ziemlich häufig auf die Sicherheit von Datenbanken geschissen wird. Excuse my french. Und das hat sich nun auch bewahrheitet: Ein Anbieter hatte eine Sicherheitslücke und es konnte kinderleicht auf Millionen an Datensätzen zugegriffen werden. Übrigens nicht nur Daten zur Corona-Registrierung, sondern auch über neun Jahre alte Daten zur Tisch-Reservierung. Die wurden nie gelöscht. In den Datensätzen konnte man auch die Daten einiger Spitzenpolitiker:innen finden und dadurch ablesen, mit wem sie sich getroffen haben. Falls noch jemand Argument für Datenschutz und -sicherheit und gegen die anlasslose Vorratsdatenspeicherung braucht: hier sind sie.

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Sicherheitsproblem bei Firma: Daten von Restaurantbesuchen einsehbar | tagesschau.dewww.tagesschau.de

Blockchain. Ein Wort, bei dem sich bei mir alle Nackenhaare aufstellen. Und dieser Artikel ist ein Must-Read für jede:n. Also egal ob großer Verfechter der Blockchain oder jemand, die diese Dinger schon immer abgelehnt hat, weil: was für ein Problem sollen sie eigentlich lösen?

And that’s something that we — outsiders, laypeople, non-tech geeks — simply refuse to accept. Councillors and managers think that problems — however large and fundamental they are — evaporate instantaneously thanks to technology they’ve heard about in a fancy PowerPoint presentation. How will it work? Who cares! Don’t try to understand it, just reap the benefits!

This is the market for magic, and that market is big. Whether it’s about blockchain, big data, cloud computing, AI or other buzzwords.

So eine Blockchain soll häufig eingesetzt werden, wenn man anderen Beteiligten nicht trauen kann. Ich halte es aber für eine Gesellschaft für äußerst fatal, wenn es keine Institution, wie zum Beispiel eine Bank gibt, der ich Vertrauen kann. Beim Zahlungsverkehr gibt es beispielsweise auch nicht wirklich das Problem, dass Geld einfach verschwindet. Würde das passieren, wäre der Reputationsverlust einer Bank so immens groß, dass sie dicht machen könnte. Von den Strafen durch verletzte Gesetze mal ganz zu schweigen. Wofür braucht es also Zahlungsverkehr über eine Blockchain? Ähnliches bei sehr vielen anderen Bereichen. Auch beispielsweise bei der Registrierung von Warenbeständen. Denn nur, weil mir eine Blockchain versichert, dass sie da sein sollen, heißt es nicht, dass sie wirklich da sind. Denn ich kann zwar Bestände darauf speichern — ganz wie in einer klassischen Datenbank — aber der Gegenstand selber wird ja nicht an der Blockchain angekettet.

Or as Bloomberg columnist Matt Levine wrote: “My immutable unforgeable cryptographically secure blockchain record proving that I have 10,000 pounds of aluminium in a warehouse is not much use to a bank if I then smuggle the aluminium out of the warehouse through the back door.”

Data should reflect reality, but sometimes reality changes and the data stays the same. That’s why we have notaries, supervisors, lawyers — actually, all those boring people that blockchain thinks it can do without.

Viele angebliche Blockchain-Lösungen entpuppen sich häufig als einfache Datenbanklösungen. Die vollkommen ausreichen. Blockchainlösungen brauchen außerdem nicht nur viel Zeit zur Berechnung und damit Umsetzung einer Transaktion — je nach Länder einer Blockchain und verfügbarer Rechenkraft mehrere Minuten — sie brauchen auch verdammt viel (wirklich verdammt viel!) Energie. Wenn wir also alles Mögliche auf die Blockchain packen wollen der Blockchain wegen, dann ist das auch enormes Energie und damit Umweltthema und steht damit noch weniger im Nutzen einer Blockchain, als eh schon. Also: Lesen sehr zu empfehlen!

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Blockchain, the amazing solution for almost nothing — The Correspondentthecorrespondent.com

Noch ein sehr spannender Artikel, den es sich wirklich zu lesen lohnt. Dass Verschlüsselung wichtig ist und auch warum habe ich hier — zumindest in Teilen — schon mehrfach geschrieben. Aber dieser Artikel hat auch meinen Blickwinkel nochmal geöffnet und das sollte er dringend auch bei anderen. Denn um für die Wichtigkeit von Verschlüsselung zu argumentieren wird zumeist vor Überwachung von einem Staat gewarnt. Verschlüsselungssoftware ist meist für Unternehmen oder Privatleute ganz allgemein gedacht. Dass sie aber ganz besonders für marginalisierte Gruppen von entscheidender Bedeutung ist, wird häufig vergessen. Auch, weil Kryptografieexperten meist männlich und weiß sind. Das heißt, die Bedeutung, die sichere Datenverarbeitung für Schwarze zum Beispiel hat und wo sie sie im Alltag trifft, ist ihnen, ob den fehlenden eigenen Erlebens, häufig gar nicht bekannt.

“I think there is an intersection between traditional cryptography and privacy and what I was calling ‘crypto for the people,’” Kamara says. “There is research and there are tools that can be beneficial to large subsets of people, as in the encrypted messaging app Signal. But there are also problems and adversarial models that are unique to marginalized groups, and those problems are not being investigated. For example, not everyone ends up in a gang database, and certainly very few cryptographers or academic computer science researchers end up in gang databases.” […]

Following the shootings of Breonna Taylor, George Floyd, and Jacob Blake, Kamara says fellow cryptographers and other computer scientists have reached out to him to talk about systemic changes that could be aided by technical solutions to reduce police brutality. Kamara says he welcomes these discussions, “but most of those people have never been attacked by the police. They don’t understand the psychological pressure you’re under and the confusion you’re experiencing when five cops are running at you. These kinds of details matter.”

Dass Technologie übrigens strukturell rassistisch ist, rückt so langsam ins Bewusstsein. Fraglich, ob die Europäische Union das Problem wirklich erkennt und adäquat angeht…

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How Cryptography Lets Down Marginalized Communities | WIREDwww.wired.com

Jetzt habe ich ja unter anderem wegen meiner Studie ziemlich viel über die Gefahren von Messengern gesprochen. Nach Hongkong gibt es nun einen weiteren Fall der zeigt, wie wichtig Messenger für Menschen sind, die für die Demokratie kämpfen. Während in Belarus das Internet zeitweise abgeschaltet oder enorm gedrosselt wurde (oder wie der Diktator Lukaschenko sagt: sie wurden angegriffen), war es nur schwer möglich Informationen zu bekommen und weiter zu verbreiten. Ein junger Mann, Stepan Putilo, hat mit NEXTA einen der weltweit größten Telegram-Chanel geschaffen, über den von den Protesten im Land berichtet wird. Mehrere deutsche Journalist:innen bekommen auch darüber ihre Informationen. Sven Gerst war bis vor Kurzem in Belarus und beschäftigt sich intensiv mit den dortigen Protesten. Er sagte mir, dass der Channel eine selbstregulierende Dynamik hat, die dafür sorgt, dass keine Falschinformationen verbreitet werden.

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How a 22-year-old in Belarus is using his social media empire to take on Europe’s last dictator — Rest of Worldrestofworld.org

Einen Mord vertuschen ist heutzutage gar nicht mehr so leicht, wenn Daten von Smartwatch, Smartphone und Smartspeakern ausgewertet werden können und die Daten nicht mehr das gewöhnliche Nutzungsverhalten eines Menschen widerspiegeln:

Heather Mahalik, a forensics instructor, recalls a Florida case in which a man killed his wife, then tried to impersonate her. The husband sent texts and Facebook messages from his wife’s phone in an attempt to blur the timeline of her disappearance. While the woman’s phone activity continued, her Apple Watch showed a sudden drop in heart rate activity that the husband claimed was due to a dead battery. Activity on the man’s phone synced perfectly with when he used the wife’s phone to post to Facebook. Her phone showed no activity except for when the husband picked it up to post, with timestamps matching his activity to the use of the wife’s phone.

Für mich übrigens noch einmal der Hinweis, dass man mithilfe von digitaler Forensik weitaus mehr und effektiver was erreichen kann, genauer Verbrechen aufklären kann, denn mit einfachem massenhaften sammeln von Daten, wie zum Beispiel der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung.

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Police Want Your Smart Speaker — Here’s Why | WIREDwww.wired.com

Und noch eine letzte dringende Leseempfehlung die neue Studie von Laura Krause und More in Common: Nachdem ich schon die erste Studie, die andere deutsche Teilung, hier und sonst überall wo es passte, angepriesen habe, ist nun eine darauf ausbauende Studie erschienen. More in Common hat sich nämlich angeschaut, wie die Deutschen (und andere europäische Länder im Vergleich) die Corona-Krise bisher erlebt haben. In ihrem Gastbeitrag unten gibt es einen ersten Überblick, zur lesenswerten gesamten Studie kommt Ihr direkt hier.

Die Studie zeigt, es gibt keine eindimensionale Antwort auf die Frage, was die Corona-Krise in der deutschen Gesellschaft auslöst. Klar ist, diese Zeit wird ein wichtiger Referenzpunkt für unsere Gesellschaft bleiben — und sie auf die Probe stellen. Damit wir ansatzweise gestärkt daraus hervorgehen, sollten wir im ersten Schritt anerkennen, dass Menschen diese Krise durchaus unterschiedlich erleben und dass sich schon zuvor bestehende Unterschiede nicht einfach verflüchtigen, sondern bislang eher fortsetzen. Die Perspektiven auf die derzeitige Situation sind teils völlig unterschiedlich. Das eröffnet radikalen Akteuren Möglichkeiten, diese schwierige Gemengelage für sich zu nutzen. Nicht zuletzt deshalb wäre, trotz aller objektiven Erfolge in der Krisenbewältigung, eine überschwängliche Zwischenbilanz zum gesellschaftlichen Zusammenhalt derzeit noch unangemessen.

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Wie unterschiedlich die Deutschen die Krise erlebenwww.zeit.de

WHAT TO WATCH

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Zehn Jahre — Sarrazins Thesen prägen | NDR.de — Fernsehen — Sendungen A-Z — ZAPPwww.ndr.de
Thilo Sarrazin hat immer wieder rassistische Ressentiments geschürt und rechtsradikales Denken gesellschaftsfähig gemacht. Und die Medien haben dazu einen mächtigen Beitrag geleistet.

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chairwoman @loadev | digital policy & civil rights | www.anncathrinriedel.de

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